
Der Bahnsteig zur S-Bahn auf der anderen Seite ist voll mit Menschen. Manche warten auf die entgegengesetzte Richtung, andere auf die Bahn mit einem anderen Ziel. "Einsteigen, bitte" schallt es auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig durch die Lautsprecher.
Sie hetzt die Treppe hinauf, rotes Mäntelchen, lustiger Pferdeschwanz, einen Koffer hinter sich her schleppend. Die letzte Stufe erklommen und mit einem Ruck den widerspenstigen Koffer auf seinen kleinen Rädern in die richtige Spur gen wartender S-Bahn gewuchtet. Eilt, eilt. Die Zeit drängt. Gleich wird es heißen "Bitte zurückbleiben" und die Zurückbleibenden dürfen großzügig erstmal 25 Minuten warten. Deshalb möglichst schnell zur offenen S-Bahntür geflitzt.
Leider scheint dem Köfferchen so etwas Schickes wie ein Anti-Traktionssystem zu fehlen, denn er kommt aufgrund der beachtlichen Beschleunigung und der wilden Entschlossenheit doch noch die S-Bahn zu erreichen, arg gefährlich ins Schlingern. Das sonst so gekonnte Gegensteuern lenkt für eine Sekunde ab, ihre Füsse scheinen sich zu verheddern, vielleicht ist es auch nur rutschig, sie stolpert, fällt und kracht sichtlich schmerzhaft auf ihr rechtes Knie.
Der schwere Koffer poltert lautstark auf die Seite, Leute gucken.
Seltsamerweise irritiert, unergründlicherweise befremdet. "Mann!" ist zu hören, "..muß man doch uffpassen!" zischt es angenervt von der Seite, "...also echt!" ist zu vernehmen. Empörung. Hälse recken sich. Is wat passiert! Jibbst ja nisch! Also! Nee, echt! Und überhaupt, wa!
Ein Renterehepaar in Stasi-Windjacken gibt sich besonders empört. Also echt, nein. Muß man doch uffpassen! Tss, wie kann man nur! ist wieder und wieder zu hören. Anscheinend gibt das Highlight des Tages genug Raum für das ach so liebgewonnene Spiel der kollektiven Empörung. Beide sind lautstark einer Meinung:Also echt, Nein! kann man nur... muss man doch aufpassen!! Also nee.. ts ts ts.
Immer und immer wieder.
In dieser feigen Halblautstärke.
Sie rappelt sich auf. Der Kopf ist hochrot. Die Wangen glühen. Sichtlich um Fassung ringend wird noch kurz das schmerzende Knie gerieben, um dann mit mit allen verbliebenen Stolz, gemessenen Schrittes und hocherhobenen Hauptes anmutig Richtung glücklicherweise immer noch wartender S-Bahn zu schreiten - den unbotmäßigen Koffer hinter sich her ziehend.
Niemand hatte geholfen. Kein Wort des Trostes. Kein Wort der Sympathie. Nur Häme; und sich deshalb besser fühlen wollen; dadurch, das man es schon immer besser gewusst habe. Natürlich auch wie man einen Koffer bewegt, Treppen erklimmt. Angeblich.
Es ist bitterkalt im Winter. Im März, in Berlin.
::
girl - am Sonntag, 12. März 2006, 00:02



Trackback URL:
http://girl.twoday.net/stories/1684896/modTrackback