
Dort, beim Berliner Verlag, passiert eigentlich gerade eine ganz spannende Sache. Die Belegschaft stellt sich gegen die Planungen der Gesellschafter (nicht neu) aber vereinnahmt mal locker flockig ihr publizistisches Werkzeug, um dies auch entsprechend zu kommunizieren (neu). Eine virtuelle Werksbesetzung sozusagen. Ebenso auch wieder in der Ausgabe von Montag.
"(...) Dennoch hat Holtzbrinck bis vor einer Woche öffentlich stets beteuert, ein Verkauf des Berliner Verlages stehe nicht zur Debatte. Wenn jetzt eine andere Entscheidung fällt, müssen und werden wir sie akzeptieren. Diese Entscheidung steht den Gesellschaftern des Unternehmens zu, nicht der Redaktion, auch nicht der Geschäftsführung des Verlages. Redaktion, Verlagsmitarbeiter und vor allem Sie, unsere Leserinnen und Leser, dürfen allerdings erwarten, dass bei einem solchen Verkauf die Interessen der Berliner Zeitung und ihrer Leser gewahrt werden. Es gibt erhebliche Zweifel, dass Mr. Montgomery und seine Investoren diese Anforderung erfüllen können."
Nachfolgend werden noch der Investor, seine Private Equity Group sowie die vermuteten Renditeziele dargestellt. So weit, so gut, so schlecht. Denn ohne ein Aufzeigen der hinter solchen Renditeerwartungen stehenden Systematik, wird der Leserschaft leider lediglich ein plattes Feindbild vermittelt, das sicherlich die wohlverdiente Sympathie beim betroffenen Verlag weckt, jedoch nicht solchen grundsätzlichen Entwicklungen Einhalt gebietet, bzw. den Lesern Informationen an die Hand gibt, gegebenfalls auf solche Entwicklungen mit "Liebesentzug" an der richtigen Stelle einzuwirken.
Denn ich glaube mich durchaus erinnern zu können, dass auch und natürlich im Wirtschaftsteil der Berliner Zeitung Anzeigen der großen Fondsanbieter geschaltet wurden. Ich kann mich auch erinnern, daß etwaige unfreudvolle Performances mancher Fonds entsprechend kommentiert und das Versagen beim Asset Management gewisser deutscher Kreditinstitute ebenso wortreich kritisiert wurde.
Wie und womit aggressiv in diesen Bereichen gearbeitet wird, dürfte aber auch in der Vergangenheit zumindest außerhalb der Sportredaktion durchaus bekannt gewesen sein. Ist dies jedoch ok gewesen, solange es allein abstrakt um das Kontrukt eines Fonds oder das Geschäftsmodell der Private Equity ging?
Zum Beispiel hier, hier, hier, hier, hier & hier.
War es ok, wenn mit den üblichen Methoden indonesische Staatsfirmen, indische Stahlkonzerne oder Lebensversicherer in den USA auseinander genommen wurden? War es ok, als mit entsprechenden Renditeerwartungen die eher glücklosen Auslandsengagements der großen deutschen Autobauer finanziert wurden? Sieht die Welt auf einmal anders aus, wenn sich das Renditeinteresse auf den eigenen Arbeitsplatz richtet?
Anscheinend.
Und menschlich nachvollziehbar. Aber gerade dann wäre es wünschenswert, nicht unzulässig mit Heuschreckenbildern um sich zu werfen und marktübliche Gewinnaussichten zu verdammen, sondern konkret in einem zweiten Schritt die eigene Leserschaft darüber aufzuklären, wo und wie die ganze schöne Extrakohle für die Altersvorsorge tatsächlich wirkt.
Denn letztendlich ist alles ganz ganz einfach: Willst du Sneakers für schmales Geld, brauchst du Kinderarbeit. Willst du Tiefkühlpizza für 0,89 Cents, kann es passieren, daß dich tatsächlich verrottete Wildschweinfüsse anlachen. Willst du "garantierte Toprendite" deiner vermögensbildenden Maßnahme, brauchst du Rambos, die entsprechend aggressiv und rücksichtslos vorgehen, denn die "sollen gefälligst arbeiten für ihr Geld. Ein Verlust ist nicht akzeptabel, nicht akzeptabel! Verstanden?"
So einfach ist das. Und beschissen gleichermaßen.
Geiz ist geil und total cool, weiß doch jedes Kind.
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girl - am Sonntag, 16. Oktober 2005, 22:11



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